Mystik und Politik (1)
Kampf und Kontemplation
‚Politik ist die Kunst des Möglichen.’ So lautet eine idealistische Definition Otto von Bismarcks. ‚Politik ist Machterhaltung‘, scheint realistischer. Aber so oder so hat Politik mit verschiedenen Optionen zu tun, sonst gäbe es keine unterscheidbaren Parteien. Und Optionen können mehr oder weniger von einer ganzheitlichen, schöpferischen Absicht geprägt sein, sie können Glück für alle oder nur für wenige wollen, sie können Gott ins Fleisch holen, auch ins ‚Fleisch’ sozialer Gesetze - Mutterschutzregelungen etwa - oder ihn hauptsächlich in Monstranzen ausstellen.
Politik und Mystik, in Taizé-Version Kampf und Kontemplation: Gegensätze, die an Stammtischen Kopfschütteln hervorrufen und in Europa scheinbar kein Heimatrecht haben. Andere Kulturen können offensichtlich leichter Gottesdienst und Demonstration verbinden, den Aufstand gegen Apartheit und für die Gleichwertigkeit aller Menschen als direkte Konsequenz ihrer religiösen Sendung in einem gemeinsamen Lied besingen als wir Kontinentaleuropäer.
Politik gestaltet das gesellschaftliche Zusammenleben. Wenn das geist-los geschieht, handeln eher Marionetten des Status quo und wirtschaftliche Mächte und Gewalten. Erst wenn wir sie mit Gewaltlosigkeit, Partizipation, Solidarität durchdringen, wird daraus eine menschenwürdige Politik. Das alltagstaugliche, gottzugewandte Medium eines solchen Ethos nenne ich Spiritualität.
Eva Kopp
