Für eine Kirche mit den Frauen - Wiborada (2)
Wiborada - die Ratgeberin für Männer und Frauen
Wiborada,
Patronin aller Festgenagelten, ans Bett Gefesselten, in Beziehung Verstrickten, zum Bleiben Gezwungenen. Du, die Freie unter den Gefangenen, die nur in einem Buch liest,
im Buch des Lebens, in der unvergleichlichen Bibliothek des Lebens.
(Josef Osterwalder)
Der Name Wiborada ist althochdeutsch und bedeutet Weiber Rat, oder eben weibliche Ratgeberin. Der Rückzug in die Zelle, in die äusserliche Enge, macht Wiborada innerlich frei. In dieser selbstgewählten Begrenzung kann sie ihre besonderen Fähigkeiten entfalten und damit für die Menschen da sein. Sie wird wegen ihrer Klugheit und Weitsicht als Ratgeberin von Männern und Frauen aller Stände angegangen. Wiborada sieht die drohende Gefahr der Ungarn voraus und bewirkt mit ihrer Warnung, dass die Stadtbevölkerung, sowie die Bibliothek und andere Schätze des Klosters St. Gallen rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden können. Sie selbst will ihrem Gelübde treu und bis zu ihrem Lebensende in ihrer Zelle bleiben. Die Ungarn finden und ermorden sie am 1. Mai 926.
Bereits kurz nach ihrem Tod setzt die Verehrung der Inklusin, Ratgeberin und Märtyrerin ein. Mehr als hundert Jahre später wird sie 1046 als erste Frau überhaupt heiliggesprochen. Sie ist die Patronin des Bistums St. Gallen, der Bibliotheken, BücherfreundInnen, Köchinnen und Pfarrhaushälterinnen.
Wir brauchen sie, diese Menschen wie Wiborada – Frauen und Männer – mit einer aussergewöhnlichen „Gottesdurchlässigkeit“. Sie sind es, die uns mit ihrem anderen Blick aus unseren grossen und kleinen Verrenkungen und Verstrickungen befreien, und uns andere Wege aufzeigen können. Wir sollten uns nicht scheuen, sie um Rat zu fragen, wenn wir selbst scheinbar gefangen in einer „Zelle“ sitzen.
(Stefania Fenner Rienzo)
