Eva (1)

Einführung

Als Bibelwissenschaftlerin und feministische Theologin möchte ich mich kurz vorstellen: Geboren 1940 in St. Gallen, aufgewachsen in fünf Schweizer Kantonen, studierte ich später kath. Theologie in Tübingen, Paris und Bonn, wo ich als erster Laie promovierte (Altes Testament). Von 1987 – 2001 war ich Professorin für Biblische Theologie in Kassel, seit 2009 wohne ich wieder in Basel.

Die erste Frau in der Bibel beschäftigt mich schon sehr lange. Sie wurde in der christlichen Tradition verantwortlich gemacht für das Böse, als Ursache von Sünde, Tod und allen Übeln der Welt. Diese lange Tradition wurde aus den ersten Kapiteln der Bibel abgeleitet (Genesis 2 und 3) und hat unermesslichen Schaden für ein christliches Frauenbild angerichtet. Schaut man die Texte aber genau an, ergibt sich ein anderes Bild. Die folgenden kurzen Beiträge sollen einen kleinen Überblick über ein grosses Thema erlauben.

Als Mädchen habe ich früh erfahren, dass man Frauen vor allem als Verführerinnen sah, vor denen man/Mann sich hüten musste. Schon kleine Mädchen wurden gerügt, etwa wenn sie neugierig waren oder in den Spiegel schauten. Schönheit galt als etwas Gefährliches. Alle diese Interpretationen haben natürlich auch das Selbstbewusstsein von Frauen belastet. Manche haben diese Zuschreibungen sogar stark verinnerlicht. Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem Thema gemacht?

Weil „Eva“ zuerst die Frucht vom verbotenen Baum gepflückt hat, wurde sie als die Schuldigere angesehen, dabei ist zu beachten, dass es zwei Schritte braucht: Einmal die Interpretation der grösseren Schuld der Frau, dann die Übertragung von einer Frau auf alle Frauen. Beim ersten Mann, der ausserhalb des Paradieses seinen Bruder Abel umbringt, wurde nie etwas Vergleichbares gemacht. Die Tat des Kain, des ersten Mörders, wurde nie so interpretiert, dass alle Männer Mörder seien. Dabei kommt in der Hebräischen Bibel erst hier, in dieser Geschichte von Gen 4, das erste Mal ein Wort für „Sünde“ vor. In der sog. Paradiesgeschichte (Gen 3) fehlt ein solcher Begriff gänzlich.

Es empfiehlt sich, vor der Lektüre der folgenden Beiträge die Kapitel Gen 2 und 3 zu lesen, der kurze Raum reicht hier nicht aus, die Texte selbst abzudrucken.

(Helen Schüngel-Straumann)