Ruah (2)

Ruah – vielfältig und bunt

Gestern sprach ich davon: Das hörbare Keuchen beim Geburtsvorgang und das erleichterte Luftschöpfen und Aufatmen nach gelungener Geburt, ist schöpferisch, Leben bringend. Zugleich ist es gefährlich, Geburt ist immer auch eng mit Todesgefahr verbunden. Vermutlich ist deshalb Ruah grammatisch immer dann mit dem weiblichen Artikel verbunden, wenn es um Schöpferisches, Lebensförderndes geht.

 „Es warten alle auf dich,
dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.
Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie;
wenn du deine Hand auftust,
so werden sie mit Gutem gesättigt.
Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie;
nimmst du weg ihre Ruah, so vergehen sie und werden wieder Staub.
Du sendest aus deine Ruah, so werden sie geschaffen,
und du machst neu die Gestalt der Erde.“ (Ps 104, 27-30 – Luther 1984)

Ruah ist also vielfältig und bunt. Ruah bezeichnet eine heftige Luftbewegung, die etwas, die alles in Bewegung bringt. Ruah ist Wind, besser: Sturm. Ruah ist Atem, Geist, Lebenskraft des Menschen. Und Ruah Geist und Lebenskraft Gottes. Ruah ist Zuwendung, sie drückt sich aus, indem Gott sein/ihr Angesicht zuwendet. Die belebende Ruah erneuert das Gesicht der Erde. Oder anders gesagt: „Gott wird geschildert wie eine Mutter, die sich der Erde zuwendet“, so formuliert Helen Schüngel-Straumann. Möge es sein, dass die Ruah das Gesicht der Erde und das Gesicht der Kirche erneuere.

(Helga Kohler-Spiegel)