Prophetische Gabe (1)

Fra Angelico, Museo San Marco, Florenz, Simeon und Jesus

Prophetische Gabe – das verbinde ich zuallererst mit meiner Taufe. Da wurden mir mit dem Effata-Ritus die Ohren geöffnet und die Lippen. Ich stelle mir vor, wie der Seelsorgende ganz behutsam meinen kleinen Baby-Mund und meine kleinen Ohren berührt hat. Die Mutter und die Paten standen dicht dabei und betrachteten das Geschehen mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Angerührt-Sein.

Bei seinen Worten „Effata – Öffne dich!“ sprach der Seelsorger nicht laut, im Gegenteil, er flüsterte leise meinen Namen und dann öffnete er mein Ohr und meine Lippen, wie es damals Jesus mit dem Taubstummen tat. Ich wünsche mir, dass der Seelsorgende bei meiner Taufe zuerst meine Ohren und dann erst meinen Mund geöffnet hat, obwohl das dem Taufritus nicht entspricht. Was soll ich denn sagen, wofür einstehen, wenn ich nicht zuvor etwas höre? Also die Ohren, bitte schön, zuerst! Die Ohren, das Hören, ist mir so wichtig!

Ich weiss, was es bedeutet, nicht gut hören zu können. Meine Mutter ist seit fast 25 Jahren schwerhörig. Sie hat Hightech-Geräte in den Ohren. Ein Lichtsignal leuchtet in allen Zimmern, wenn es an der Türe schellt oder das Telefon klingelt.

Was bekam ich als erstes in meiner Familie zu hören? Vermutlich meinen Namen und die vielen Kosenamen, die mir die Geschwister und Eltern gaben: Lau-Lau, Dini, unser Nesthäkchen! Namen der Liebe – daraus habe ich mir einen Vorrat angelegt. Daraus schöpfe ich, wenn ich anfange, zu reden.

(Claudia Mennen)