Prophetische Gabe (2)

Lauschen

Ehe es wächst, lasse ich es euch erlauschen! (Jesaja 42,1)

 

Lange haben wir das Lauschen verlernt!
Hatte Er uns gepflanzt einst zu lauschen
Wie Dünengras gepflanzt, am ewigen Meer,
Wollten wir wachsen auf feisten Triften,
Wie Salat im Hausgarten stehn.

Wenn wir auch Geschäfte haben,
Die weit fortführen,
Von Seinem Licht,
Wenn wir auch das Wasser aus Röhren trinken,
Und es erst sterbend naht
Unserem ewig dürstenden Mund –
Wenn wir auch auf einer Strasse schreiten,
Darunter die Erde zum Schweigen gebracht wurde
Von einem Pflaster,
Verkaufen dürfen wir nicht unser Ohr,
O, nicht unser Ohr dürfen wir verkaufen.
Auch auf dem Markte,
Im Errechnen des Staubes,
Tat manch einer schnell einen Sprung
Auf der Sehnsucht Seil
Weil er etwas hörte,
Aus dem Staube heraus tat er den Sprung
Und sättigte sein Ohr.
Presst, o presst an der Zerstörung Tag
An die Erde das lauschende Ohr,
Und ihr werdet hören, durch den Schlaf hindurch
Werdet ihr hören
Wie im Tode
Das Leben beginnt.

Nelly Sachs, in: Wohnung des Todes

 

Dies ist eines meiner Lieblingsgedichte. Ich möchte eigentlich gar nichts dazu sagen.
Es spricht für sich.
Wenn ich es aufsage, dann steigen mir Tränen in die Augen.
Ich fühle mich in Wahrheit gebadet, eingetaucht.
Will Dünengras sein am ewigen Meer!
Bin bereit, mein Ohr an die Erde zu pressen, um zu hören, zu verstehen:
Das ewige Wort, das Leben-Spendende,
das, das durch Tod und Finsternis geläutert wurde.

(Claudia Mennen)