Zwiesprache mit Gott – Psalmen (2)
Jede menschliche Regung verdankt sich einem Impuls.
Trägheit, Unlust, der Ballast der alltäglichen Mühen, der Sog der Gewohnheit – so vielfältig unsere guten und oft auch weniger guten Gründe, uns nicht zu bewegen, auch sind: wir sind berufen, zu wachsen, uns zu verändern, unsere Gottebenbildlichkeit immer mehr zum Vorschein kommen zu lassen, ja, wie es die Kirchenväter ausdrücken, sogar vergöttlicht zu werden. Das ist natürlich nicht unsere Leistung, nicht unser Verdienst – aber uns darauf vorzubereiten, ist unsere Aufgabe und die Würde, die Gott jedem Menschen mit auf den Lebensweg gibt.
Bewegung also, Wachstum, sich verwandeln lassen. Auf der persönlichen Ebene einerseits, auf der zwischenmenschlichen Ebene andererseits – und eben auch auf der „Gottesbeziehungsebene“. Wir haben diese Beziehung ja nicht ein für allemal, die Überzeugung, dass da tatsächlich so etwas wie Zwiesprache geschieht - - - nun, wie es Ihnen damit geht weiss ich natürlich nicht. Aber von mir kann ich sagen: „Warum schweigst du, Herr?“ „Wach auf, warum schläfst du?“, „Hast du uns für immer verlassen?!“ – solche Psalmverse kommen mir oft „stimmiger“ über die Lippen, als „Meine Seele vertraut auf den Herrn“, „Die Gnade des Herrn erfüllt die ganze Erde“ und ähnliche Verse. Da hilft manchmal nur noch, sich von der ganzen Bandbreite der Aussagen über Gott, über Vertrauen und Angst, über Verzweiflung und felsenfeste Überzeugung, von dieser ganzen Bandbreite aus der Erstarrung rütteln zu lassen, sich von ihr bewegen und mittragen zu lassen.
Das kann dann allerdings auch heissen, gegen Steine des Anstosses zu stossen, anzuecken, sich wund zu reiben. Oder hin und her gerissen zu werden von Ablehnung („So etwas darf man doch nicht einmal denken!“), Abscheu („Solche blutrünstigen Rachephantasien, wie schrecklich!“) bis hin zu Unverständnis („Also meinem Gottesbild entspricht das aber nicht!“) und dann auch wieder die Poesie wahrzunehmen, die Weite des Gottesbildes, das Grossartige eines so unerschütterlichen Vertrauens, das Geschenk, so über / zu / mit Gott reden zu dürfen.
Dieses Wechselbad der Gefühle ist natürlich kein Zufall – es ist einer der Wege, mit denen Gott uns in Bewegung setzt, uns wachsen lässt in unserer Beziehung zu ihm, unsere Zweifel und Ängste ernstnimmt, unsere Wut und Trauer in Freude verwandelt.
(Sr. Lioba Zahn OSB)
