Zwiesprache mit Gott – Psalmen (4)
Gestern schrieb ich Ihnen über die Beziehung zu Gott, dass, auch wenn wir wankelmütig sind und unsere Aufmerksamkeitsspanne manchmal eher gen Null tendiert, Gott dennoch da ist und der Zusage seiner Nähe treu bleibt.
Doch wie geht das zusammen mit unserer Erfahrung, das Gott fern ist, zu schweigen scheint, vielleicht gar nicht existiert? Diesen letzten Punkt finden Sie in den Psalmen nicht, doch die Erfahrung der Abwesenheit und des Schweigens taucht wieder und wieder auf. Das hilft mir, die Psalmen auch in solchen Situationen zu beten. Aber ich möchte noch einen Aspekt nennen, der in der Zwiesprache mit Gott für mich wichtig geworden ist: Eine Frau, Überlebende jahrelanger brutalster Gewalt, sagte mir einmal: „Alle haben weggeschaut, ich habe mich vor Ekel selbst nicht anschauen können, doch Gott war immer da, Gott hat sich nicht voll Abscheu abgewendet, er war Zeuge, und wo Gott in mir präsent war, da konnte das Böse nicht hin, dieser Teil von mir ist heil geblieben, so sehr auch alles andere verletzt und kaputt gemacht worden ist. Und weil er nicht weggeschaut hat, ich einen Zeugen hatte, weiß ich, dass die Täter lügen, wenn sie sagen, das alles sei nie passiert.“
Bei mir blieb die Frage: Warum hat er denn nicht gehandelt? Warum lässt Gott solches Leid zu? Und trotz all der schlauen Bücher, die ich zur Theodizeefrage inzwischen gelesen habe, und trotz all der sicher richtigen Argumente, die dazu vorgebracht werden können, bleibt ein Punkt, wo es keine Antwort gibt, wo man nur verstummen kann oder wortlos schreien.
Die Größe der Selbstoffenbarung Gottes liegt meines Erachtens darin, dass uns die Bibel Worte schenkt, die uns aus der Sprachlosigkeit heraus helfen und uns den Weg weisen, wie wir trotzdem weiter an ein Gegenüber glauben können. Zwiesprache mit Gott heisst also auch Anklage Gottes, als geheulte, geschrieene, ungeschminkte, zornige Frage.
Und wenn wir, wie es vielen Menschen, schon Kindern, oft genug ergeht, gar nichts mehr sagen, nicht mehr klagen können, ja, nicht einmal mehr die Kraft zum Weinen haben – dann wissen wir, dass das Wort Gottes selbst, Jesus Christus, unser Anwalt ist, der für uns unsere Klage ausspricht: „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und durch ihn wissen wir auch: das letzte Wort hat nicht das Elend, sondern die Macht der Auferstehung.
(Sr. Lioba Zahn OSB)
