Für eine Kirche mit den Frauen – Wiborada (1)
Wiborada - eine "gottesdurchlässige" Frau
„Wiborada,
eingeschlossen in deiner Zelle kommst du zu dir.
Eingeschlossen wirst du frei,
eingemauert hält dich keine Mauer mehr.
An den Ort gebunden, bist du der Welt verbunden.“
(Josef Osterwalder)
Wiborada stammt aus einer Thurgauischen Adelsfamilie und geht einen ungewöhnlichen Weg. Bereits als Kind scheint sie besonders feine Antennen für Gottes Gegenwart in der Welt zu haben. Auf der Suche nach seinem Willen für ihr Leben entsagt sie immer mehr den Privilegien einer Adeligen: sie verzichtet auf prunkvolle Kleidung, schläft heimlich auf dem Fussboden anstatt im fürstlichen Bett, betet und fastet. Wissbegierig bringt sie sich schon in jungen Jahren mit Hilfe ihres Bruders und täglichen Messbesuchen die lateinische Sprache und die 150 Psalmen bei. Und sie hat ein offenes Herz und wache Augen für die Notleidenden in ihrer Umgebung, um welche sie sich eigenhändig kümmert. Ihre Sehnsucht führt Wiborada schliesslich zu einem radikalen Lebensstil: sie möchte ein Leben als Inklusin führen. Das heisst, sie möchte sich freiwillig und lebenslänglich in eine an eine Kirche angebaute Zelle einschliessen lassen; ein Fenster der Zelle öffnet sich nach aussen, das andere zur Kirche hin. So kann sie sich einerseits ganz auf Gott ausrichten und andererseits als Ratgeberin für die Menschen da sein. In Absprache mit Abtbischof Salomo darf sie 916 n. Chr. nach vierjähriger Vorbereitungszeit ihre Zelle bei der Kirche St. Mangen ausserhalb der Stadtmauern von St. Gallen beziehen und verlässt sie zehn Jahre – bis zu ihrem Tod – nicht mehr. Dort kann sie ihre Gottesdurchlässigkeit vertiefen, mit ihm und der Welt verbunden sein, wie es ihr entspricht.
(Stefania Fenner Rienzo)
