Die Taufe ernstnehmen und Grenzen überschreiten (4)

Tradition oder jahrhundertalter Zeitgeist?

Im Tagesgebet des heutigen Hochfestes Christi Himmelfahrt heisst es: „Erfülle uns mit Freude und Dankbarkeit, denn in der Himmelfahrt deines Sohnes hast du den Menschen erhöht.“ Gott sagt Ja zum Menschen. Diesem Ja muss sich die Kirche immer neu aus ganzem Herzen anzuschliessen versuchen. Der Mensch ist Mann oder Frau. Mit dem Ja zur Frau tut sich die Kirche immer noch schwer. Ist das Geschlecht der Person je eine Glaubensfrage? Gehört die Bindung der Weihe an nur eines der Geschlechter zum unveränderbaren Glaubensgut oder ist die in diesem Fall heraufbeschworene Tradition nicht vielmehr ein Relikt des Zeitgeistes über Jahrhunderte? Das Evangelium zeigt Wege aus der Sackgasse. „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mk 3,35). Aus der geistlichen Mutterschaft wird überhaupt erst deutlich, was geistliche Vaterschaft ist. Es ist nicht eine Frage des Geschlechts, sondern der Christusnachfolge. Bei diesem christozentrischen Ansatz verfällt man nicht einfach den kulturell bedingten patriarchalischen Strukturen und versucht, sie theologisch zu verteidigen. Eine Rückbesinnung auf die Bibel und die ganze Tradition kann uns helfen, aus kulturbedingten Verengungen herauszufinden.

(P. Martin Werlen OSB)