Vom Weg-Sein und bei sich zu Hause ankommen
Ich bin dann mal weg….. wie sehr geniesse ich jene Zeiten, in denen ich mich für ein paar Stunden oder auch Tage einfach verabschiede: von meinem Daheim, meinen Liebsten, meiner Arbeit und dem alltäglich Vertrauten. Ich kann in den Zug steigen. Die Türen schliessen sich – der Zug setzt sich in Bewegung und all das, was manchmal einengt und schwer macht, fällt von mir ab wie ein Wintergewand. Es ist ein gutes Gefühl, das mich dann wie mit einem Frühlings-Gewand zurückkehren und mit neuem Elan in den Alltag starten lässt.
Doch dieser Lebens-Strategie ist nun ein Riegel geschoben: Bleib zu Hause!.... so die Anordnung, die meinen Rucksack in die Ecke verweist und mich hinter die Türen meines Hauses. In den ersten Tagen dieser Zeit fand ich kaum Ruhe in meiner vertrauten Meditationsecke. Da war in mir Trauer und Schmerz, Widerstand auch, alles im Aufruhr. Ich war wie „ausser mir“, was ich sonst eigentlich nicht kenne. Ja, diese Zeit, sie wirft mich durch äussere Umstände – nicht auf frei gewähltem Weg – auf mich und in mich selbst zurück. Doch das Verweilen bei meinem Atem, der Klang in der Natur, der Sonnenaufgang am See und der Abendstern, der mir in dieser Zeit besonders hell am Himmel erscheint, helfen mir, bei mir anzukommen und mich in diesem Zuhause umzusehen, wie in einem Lebenshaus. Ich durchstreife gleichsam die Kammern meiner Lebensabschnitte, verweile darin und ich danke für das, was mir das Leben schon geschenkt hat. Manchmal gelingt es sogar, bei den bitteren Zeiten innezuhalten und zu danken, dass diese durchgestanden sind und sich ein Weg daraus heraus ergeben hat. Dann kehrt Ruhe ein und Friede. Und am Ende jeden Tages steigt mein Gebet ins Universum: Möge Heilung und Schönheit wachsen in dieser verwundeten Welt.
Anna Maria Frei-Braun, Seelsorgerin in der Katholischen Kirche Region Rorschach