Die Kirche ist weiblich!

Na klar, die Kirche, ecclesia, la Chiesa, l’eglise ist weiblich, femininum!
Sogar im Deutschen und nicht nur in den romanischen Sprachen!
Die Kirche ist weiblich!
Nicht nur grammatikalisch, auch quantitativ und qualitativ.
So habe ich es erfahren in meinem Leben von Anfang an.

Das Herausgerufen sein  habe ich mit der Muttermilch aufgesogen. Das Haus, in dem wir wohnten, hatte eine religiöse Atmosphäre. Ein religiöser Rhythmus begleitete Tag und  Jahr. Es war der Herzschlag meiner Mutter. Sie gab ihm Stimme. Sie sang im wahrsten Sinne des Wortes - immer und überall: Laudate Dominum, Benediktus, aber auch „Draussen im Sivering blüht schon der Flieder“.
Meine Mutter wurde für mich die erste „Maria von Magdala“.
Eine, die unermüdlich vom Zauber des Lebens und der Liebe und von der Schönheit Gottes sang.
Ich bin ein Kind des Konzils. Hineingeboren in eine sich öffnende und lebendige Kirche am Niederrhein. Frauen haben  in mir Glauben und Leben geweckt.
Meine ältere Schwester Katrin erwählte ich mir zur Firmpatin. Rita, die erste Gemeindereferentin wurde zum Vorbild für meine Berufswahl in der Kirche, Durch Schwester Gerhardis, Rosmarie und viele andere wurde der Glaube zur Erfahrung.  
Im Studium in Würzburg gab es einen Lehrauftrag für feministische Theologie. Hildegund Keul wurde meine Lehrerin.
Meine Diplomarbeit „Die Subjektivität der Frau in Kirche und Gesellschaft – eine Analyse der Dokumente des 2. Vatikanums, des Pueblapapiers,  der Synode 72 und des päpstlichen Schreibens Inter insignores“ ist  mein theologisches Fundament der pastoralen Arbeit in der Gemeinde und bis heute.
Ich war Feuer und Flamme,  Ermächtigung und die Berufung von Frauen in meiner Aufgabe als Pastoralreferentin  zu leben, zu wecken und zu fördern.
Viele Freiwillige und Ehrenamtliche schenkten mir ihr Vertrauen und zusammen gestalteten wir Kirche – lebendig, reich, tief und kreativ.

Auf mein theologisches Fundament möchte ich zurückgreifen:

Die Kirche ist weiblich! Das müssten auch die Bischöfe längst wissen. Ein Blick in die Kirchenkonstitution des Konzils lässt staunen:
Darin wird eine Frau immer wieder erwähnt: Maria!
Sie ist laut Konzil, die exemplarische Christin und mehr noch:  sie ist das Ur- und Idealbild der Kirche. (LG 53, vgl. LG 63-65)
Kann Maria, die das Idealbild der Kirche ist, einen Weg zu einer Kirche bahnen, die die Berufung von Frauen anerkennt?
Die sie beteiligt an den Ämtern, an Weihe und Leitung?
Die bereit ist, das Amt noch mal ganz neu zu denken, von unten her, von der Gemeinde und von den Charismen her?

Die Frauen der Bewegung Maria 2.0 haben das bereits gezeigt. Sie haben sich Maria auf die Fahnen ihrer Anliegen geschrieben. Ich war zuerst nicht davon begeistert, dass die deutschen Frauen ausgerechnet Maria zu ihrer Gallionsfigur erwählt haben. Ich hatte Sorge, dass das zu weich, zu süsslich sei.
Erst die Konzilstexte und meine alte Diplomarbeit öffneten mir die Augen:
Da heisst es: Maria, eine Frau, ist Urbild und Idealbild der Kirche!
Nun unterstelle ich den Konzilsvätern positiv, dass sie nicht die halbe Maria gemeint haben. Nicht nur die Mutter Maria, die ihr Kind stillt,  die enthobene Jungfrau oder die süssliche  Maria auf den Nazarenerbildern!
Ich unterstelle den Konzilsvätern positiv, dass sie das ganze Lukasevangelium mit seinen Geschichten über Maria im Blick hatten! Was Lukas erzählt, das wissen wir auswendig:
Gott beruft ein junges Mädchen!  Und das Mädchen sagt „Ja!“
Ja, ich will. Yes, I can!
Sie nimmt den gefährlichen Weg übers Gebirge unter die Füsse. Sie rennt zu ihrer Cousine Elisabeth, ihrer Seelenverwandten.  Sie singt – erfüllt von der Geistkraft - wie eine Prophetin. Singt ihr Liebeslied für und von Gott. Singt im Magnifikat  von der neuen Welt,  in denen die zum Zuge kommen, die bisher unten sind: die Erniedrigten, die Armen und die Hungernden, die Frauen.

Was lehrt mich das Lied von Maria?
Frauen werden berufen!
Frauen werden vom Heiligen Geist erfüllt.
Frauen reden prophetisch!
Frauen bringen Rettung und Erlösung zur Welt!
Die Frauen heissen Angela, Judith, Esther, Sibylle, Susanne und Janine.

Mir ist es ernst mit der Berufung der Frauen. Schon lange verlässt sich die Kirche auf die Qualität, die Glaubenskraft und die Weitsicht der Frauen!
Nur ihre Macht wollen die Männer immer noch nicht teilen. Das ist Unglaube. Das ist Verrat an der Frohen Botschaft.
Dabei ist die Zeit schon überreif. Die Kirche braucht in ihrer Leitungsstruktur, in ihrer Kultur, in allen ihren Ausdruckformen ein weibliches Gesicht. Eine gute Mischung aus Geistkraft und Empfänglichkeit.

Wir haben keine Lust mehr, noch länger belehrt, beschnitten, abgewertet und bevormundet zu werden.
Der Katholische Frauenbund hat dies anlässlich des Frauenstreiks so auf den Punkt gebracht: Gleichberechtigung. Punkt.Amen.
Kirche mit* den Frauen hat sich für die gleichberechtigte Mitwirkung von Frauen in Beratungs- und Entscheidungsprozessen ausgesprochen, die Donnerstagsgebete setzen sich dafür ein, die Junia-Initiative, voice of faith und viele andere. Unsäglich viele Graswurzelbewegungen, die deutlich machen, dass die Kirche weiblich ist und dass dies unbedingt in der Leitung und in einer partizipativen Kultur der Kirche sichtbar werden muss.

Es ist eigentlich tottraurig, dass ich mich als Mitarbeiterin in der Kirche oft und immer wieder mit Vorbehalten von Seiten der Kleriker belegt gefühlt habe. Man begegnete mir mit Misstrauen. Ich spürte Ablehnung. Ich hatte den Eindruck, ich bin verdächtig! Ich bin zu selbstbewusst, zu kritisch, zu offen, kurz: ich bin eine Frau.

Madonnen-Huren-Komplex nannte das Mary Daly. Frauen haben nur die Wahl, Madonna oder Hure zu sein. Ich meine, dass dieses Schema der Abwertung von  Frauen immer noch wirkt. Entweder bist du Maria oder Eva.

Ich weigere mich mit allen Frauen in der Kirche, darauf festgelegt zu werden. Ich muss nicht wählen. Ich bin Eva und Maria zugleich. Mutter der Lebendigen und Prophetin, empfänglich für und erfüllt von der Geistkraft, die in jedem wohnt.

Ich bin Königin, Priesterin und Prophetin.
Ich bin Tochter. Hörende und Empfangende.

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, heißt es im Galaterbrief (Gal 5,1). Ich fühle mich verbunden mit allen Frauen, die daran festhalten. Sie sind mir Schwestern.

Und die Kirche ist weiblich.

Dr. Claudia Mennen, Leitung Bildung und Propstei Wislikofen

Bild: die klugen Jungfrauen in Santa Apollinare Nuova, Ravenna